Offene Kirchen für Alle – die Bedeutung der Kirchenhüter

Von Friederike Kersten

Bremen zur Mittagszeit. Im Zentrum der Altstadt, direkt auf dem Marktplatz, inmitten des regen Treibens von Passanten, erhebt sich über die Dächer der Wohnhäuser und Läden ein massives Bauwerk. Einige Steine in der Fassade sind zersplittert, auf der Spitze des höchsten Turms glänzt einen goldenes Kreuz. Auf einem Vorsprung, der balkonähnlich aus der Außenwand ragt, steht eine Pferdestatue, die einen steinernen Reiter trägt, den Generalfeldmarschall Helmuth Graf von Moltke. Hinter der schweren Eingangstür des steinernen Gebäudes erklingt Orgelmusik, die das gesamte Kirchenschiff der Bremer Liebfrauenkirche erfüllt. Durch die riesigen, bunten Fenster fällt das Licht der Mittagssonne und bildet farbenfrohe Muster auf einem Altar in der Mitte des Raumes, auf dem ein Holzkreuz prangt.

In all dieser beeindruckenden Größe und Geräuschkulisse wirkt der Holztisch am Eingang der Kirche, auf dem Flyer, Infomaterial und Ansichtskarten liegen, sehr unscheinbar. Eine Frau sitzt dahinter, schlicht gekleidet, mit roter Brille und schmalem Gesicht. Im Schein ihrer Schreibtischlampe faltet sie, den Blick konzentriert auf das Papier in ihren Händen gerichtet, Flyer. „Walter Green“, das steht auf den schwarz und weiß bedruckten Blättern. Er ist der Schöpfer der blank polierten Holzfiguren im hinteren Teil der Kirche, vor denen ein Schild mit der Aufschrift „Bitte berühren“ prangt.
Die Frau hinter dem Tisch ist Elisabeth Berends, 67 Jahre alt. Das Amt, welches sie belegt, trägt den Namen „Kirchenhüterdienst“. In der Zeit zwischen elf und sechzehn Uhr, in der die Kirche geöffnet ist, lösen sich die „Kirchenhüter“ der Liebfrauenkirche nach ihrer jeweils zweieinhalbhalbstündigen Schicht ab. Bei Ausstellungen oder in der Adventszeit habe die Kirche auch länger geöffnet, erzählt Berends und legt ihre fertig gefalteten Flyer sorgsam zu den anderen Broschüren auf den Tisch. Sie sei bereits im Ruhestand und kümmere sich ehrenamtlich um ihr Amt. Früher habe sie hier in Bremen in der Kita gearbeitet, heute ist sie täglich in der Kirche. „Wir sorgen dafür, dass die Kirche weiterhin für Besucher geöffnet bleibt“, stellt die Kirchenhüterin klar. Aus beruflichen Gründen ist sie vor 18 Jahren von Hamburg nach Bremen gezogen. „Ich liebe das Wasser. Und hier in Bremen bin ich einfach noch dichter dran als in Hamburg“, erklärt sie und lächelt.

Jeden Tag schließt sie die verschiedenen Kirchentüren auf und zu, füllt den Kerzenbestand auf, aus dem die Besucher gegen ein Entgelt selbst eine Kerze anzünden können, und weist Menschen höflich zurecht, die sich in der Kirche nicht wie vorgeschrieben verhalten. „So etwas kommt leider immer wieder vor“, ärgert sich die 67-Jährige, nur um gleich darauf wieder freundlich lächelnd einen neuen Besucher zu begrüßen. „Wenn jemand hier in der Kirche sein Mittagessen zu sich nimmt, bleibt mir ja nichts anderes übrig, als ihn zu bitten, die Kirche zu verlassen.“ Solche Zurechtweisungen fallen ihr jedoch nicht leicht. Ihr Blick fällt auf das Buch, welches vor ihr auf dem Tisch liegt. „Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“, so heißt der Roman von Susann Pásztor. „Man findet hier viel Zeit zum Lesen“, erklärt Berends.

Passend zur jeweiligen Jahreszeit finden in der Kirche auch Veranstaltungen statt. „Unser Knabenchor, der mittlerweile schon fast zweihundert Mitglieder hat, singt bald wieder hier in der Kirche“, erzählt Frau Berends und Begeisterung schwingt in ihrer Stimme mit. Außerdem findet jeden Freitagnachmittag ein Orgelkonzert statt, für das der Organist vormittags übt. „Das kann manchmal ganz schön laut werden“, gibt sie lächelnd zu.

Fehlender Nachwuchs im Ehrenamt ist bekanntermaßen das größte Problem evangelischer und katholischer Kirchengemeinden. Dabei sind die Kirchenhüter wie auch Elisabeth Berends besonders wichtig: Immer mehr beeindruckende Kirchen, die die Gemeinden auch kulturell prägen, haben ihre Türen nicht mehr für Besucher geöffnet, da niemand sich bereit erklärt, ehrenamtlich die Aufgaben eines Kirchenhüters zu übernehmen. Gerade deswegen nimmt Berends ihr Amt sehr ernst und führt es äußerst gewissenhaft aus. Denn ohne ihre Arbeit würden die Kerzen in der Bremer Liebfrauenkirche bald nicht mehr brennen.

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