Über Fernweh und Freundschaft

Von Hagen Kamieth

Sie sitzen sitzt am oberen Ende einer Treppe in Bremen, in einer kleinen Porzelantasse schwimmt noch ein kleiner Schluck Weißwein, Ursula und Nanda. „Wir sind seit ungefähr 300 Jahren Freunde“, scherzt Nanda. Sie hat ein gelbes T-Shirt an und darüber einen blaues Hemd, welches die selbe Farbe hat wie ihre Augen, darunter einen grünen Rock, eine blaue Strumpfhose mit Flecken, grüne Socken und braune, warm ausehende Lederschuhe. Nanda hingegen hat einen lässigen Hoddie an, darüber eine Lederjacke, Jeans, blaue Stricksocken, an den Füßen lederne Anzugsschuhe.

Es weht Wind durch Ursulas zerzausten grauen Haare. „Ich habe einen Brief in einem bunten Umschlag an die Deutsche Bahn geschrieben, wir wollen ja nach Paris“, sagt sie mit leutenden Augen. Die Deutsche Bahn hat den Nachtzug von Hamburg nach Paris gestrichen. Während sie ein Schiff auf der Weser beobachtet, schildert Ursula wie schön es sei, morgens mit dem Zug in Paris anzukommen. Es sei unglaublich romantisch, sagt sie. Aber egal über welche Reise sie spricht, ihr fallen immer neue wichtige Tipps ein, die Ursula teilt, ob Frankreich, Portugal, Spanien oder Wien. Sie gibt die Tasse mit dem Weißwein zu Nanda. „Hier, Prost“, sagt sie und zwinkert ihm zu.

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Viele Passanten laufen vorbei, schauen die beiden komisch an, weil sie mitten im Weg sitzen, doch viele fragen sich auch warum Nanda sich auf die Stufen legt. Oft kirchern die beide sich dann an, wenn sie vorhersagen, dass jemand nach der Begegnung den Kopf schüttelt.

„Ich habe in Wien eine Weinbergtour gemacht es war unglaublich, so leckeren frischen Wein habe ich noch nicht getrunken. Ich bin dann in einem Bus mit den reichen schnöseln gefahren.“ Schon wieder schaut sie über die Weser. Ihr grüner Strickrock weht im Wind. „Mit der Ente des Sohnes von meiner Nachbarin bin ich dort hingefahren. Es war so toll. Ich habe bei ihm gewohnt.“ Und dann träumt sie von Venedig. Die Zugfahrt von Wien nach Venedig sei so schön, wenn man dann auf der einen Seite des Zuges das Meer sieht und auf der anderen die Berge. Man kann Gänsehaut auf ihren Armen erkennen, sie schwelgt in Erinnerungen. Doch plötzlich ändert sich ihr kleines Lächeln, welches man in einer Falte ihres Gesichts erkennen kann.

Das Leben hat Ursula geprägt. Der rechte Schneidezahn fehlt ihr, die Hande sind rau und die Nägel kaputt. Durch ihr Gesicht verlaufen viele Falten und es fliegen ihr immer wieder Strähnen ins Gesicht. Man sieht ihr an, dass sie von der See kommt. Hamburg ist die schönste Stadt Europas. „Ich liebe die Stadt. Ich reise für mein Leben gerne.“

Nach einer stillen Pause und einem zweiten Versuch ihren Zigarillo mit genau zwei Streichhölzern erneut zu entfachen regt sie plötzlich an, wie schön es wäre, wenn es in jeder Stadt eine Bonbonmanufaktur gebe, doch „et küt wie et küt und es het schon immer jut jejange“, sagt Nanda doch Ursula entgegnet trocken: „Aber bei uns jet et nicht immer alles gut.“ Beide lachen und teilen sich erneut ein Schluck Grauburgunder.

„Ich habe meinen Pegel erreicht“

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Nanda steht auf und takelt mit wackeligen Schritten auf Ursula zu. „Willste noch Wein?“ „Nee, danke. Ich habe mein Pegel erreicht“, sagt er bestimmt. Wenn man den gelernten Tischler reden hört, würde man seinen Pegel gar nicht erst bemerken. Er ist selbstständig und macht daher „eine Pause vom Arbeiten und nicht Pausen während des Arbeitens“ scherzt er. Aber er ist glücklich mit seinem Leben, er weiß, er könnte mehr Geld haben, doch auch mit wenig Geld ist er glücklich, sprudelt es aus ihm heraus. Erneute Stille. „Kann man eigentlich noch schwimmen gehen? Ich will dieses Jahr noch schwimmen gehen.“ „Ok, wir gehen später noch schwimmmen.“ Beide freuen sich und versuchen sich den erloschenen Zigarillo erneut anzustecken.

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„Essen und trinken hält die Seele g´sund.“

In der Zwischenzeit ziehen die beiden Freunde weiter zum Rathaus und setzen sich dort auf eine Steinbank in die stahlende Sonne. Ursula nimmt aus einem ihrer zwei Jutebeutel einen Butterstreuselkuchen und jeweils zwei Mentos und Fruchtbonbons heraus. Der Kuchen wird brüderlich geteilt, aber an die Mentos darf Nanda nicht, zu kostbar sind sie Ursula. „Ich liebe die Dinger.“ Als der Kuchen verputzt ist, gibt Ursula Nanda fünf Euro, er soll zum Aldi gehen und französischen Camenbert, Weißwein und Baguette kaufen. „Wir wollen schlemmen wie in Frankreich, beziehungsweise wie Gott in Frankreich“, sagt sie und schaut lachend in den blauen Himmel.

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Nach stillen Augenblicken bricht es aus ihr heraus, dass Nanda ohne sie verzweifeln würde. „Er braucht jemand zum Reden sonst wird er verrückt. Wir sind für einander da, denn Nanda hat Probleme.“ Wir in Deutschland kümmern uns nicht mehr genug um einander, meint Ursula. „Ich lese, bete, zeichne“, sagt sie und schon kommt Nanda mit dem französischem Menü zurück. „Au Revoir, Paris kann kommen, die haben soo leckeres Essen!“

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