Ein zweites Zuhause im 17. Jahrhundert

Von Sina Lohmeier

Eine Gruppe von Menschen sitzt vor einem Haus im Schnoor-Viertel. Es fühlt sich an wie ein Zeitsprung in die Vergangenheit: Sie alle tragen mittelalterliche Kostüme. Richard Dahlenburg, der Mann mit dem orange-grauen Vollbart und abgewetzter Lederschürze, klärt auf: dies ist das „Bremer Geschichtenhaus“.

Sechs Jahre lang ist der 53-Jährige hier schon Rollenspieler und erzählt den Zuschauern Geschichten von Bremer Leuten aus der Unter- und Mittelschicht. Diese Geschichten beruhen auf historischen Fakten, doch die Umsetzung und Darstellung der Figuren erfolgt durch die Spieler selbst. Die Reise im Historienhaus fängt im Jahre 1646 mit dem Dreißigjährigen Krieg an und endet 1910 mit der berühmt-berüchtigten Figur des Heini Holtenbeen, dem nicht weit von hier eine Bronzeskulptur gewidmet ist.

Doch dahinter steckt noch viel mehr als nur ein Beruf, denn die tägliche sechsstündige Arbeit ist Richard Dahlenburgs Leidenschaft und auch seine Hoffnung. „Wir sind hier wie eine Familie“, sagt er und erzählt davon, wie viele seiner Kollegen – unter anderem auch er – so von Hartz-IV weg – und hierhergekommen sind. Dabei hat ihm maßgeblich der Verein „Bras“, ein arbeitsmarktpolitischer Dienstleister , geholfen. „Bras“ fördert die berufliche Weiterbildung und auch die Wiederintegrierung von Arbeitslosen in Bremen zurück in die Arbeitswelt.

Der Verein bietet viele handwerklichen Arbeiten an  und hat vor allem das Ziel, individuelle Jobauswahlen zu verschaffen. Dahlenburg kam so zum „Bremer Geschichtenhaus“ und ist sehr dankbar über diese Möglichkeit. „Meine liebsten Rollen sind der Schwede und der Steuermann“, erklärt er nach kurzem Nachdenken über den Alltag eines Rollenspielers. Man entwickele eine Routine, bei der das Lampenfieber immer mehr abnehme.

Die Leidenschaft am Spielen komme vom Spaß, den es mache, eine Figur zu verkörpern. Besonders spornt ihn der Applaus seiner Zuschauer an: „Es ist toll zu sehen, dass ich die Leute mitreißen kann.“ Desinteressierte und teils auch unheimlich störendes Publikum, etwa Schulklassen, dämpfen den Spaß am Spielen, gibt er zu. Doch auch dadurch lassen sich die Schauspieler nicht unterkriegen.

„Wir sind hier multikulti“, sagt ein Kollege  Dahlenburgs, der vor 20 Jahren aus Italien nach Bremen kam. Er erzählt auch, dass Flüchtlinge bei ihnen im Geschichtenhaus dabei und gut integriert wären.

Die Schauspieler führen durch den unteren Teil des Gebäudes, in dem man unter anderem an Garderoben voll altertümlicher Kleidung und an einer Vitrine, die ein Modell des alten Schnoor-Viertels zeigt, vorbeikommt. Er zeigt er auch noch den hölzernen Pranger, der einen nun endgültig ins 17. Jahrhundert zurückversetzen und von der unfairen Vergangenheit einschüchtern lässt.

 

 

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