„Ich bin nicht stolz Bremerin zu sein!“

Von Christoph Michel

Ein lautes Lachen schallt durch die Bremer Bahnhofsmission – Sabine erzählt von ihrer Kindheit. „Früher gab es an dieser Stelle ein Schwimmbad“, erzählt sie, in dem sie mit ihrer älteren Cousine schwimmen lernt. Skeptische Blicke der anderen Hilfsbedürftigen, die in der familiären Cafeteria einen Kaffee trinken und ein Stück Kuchen essen. Sabine interessiert es nicht. Sie lacht weiter. Eigentlich hat sie wenig Grund zu lachen.

Sabine, eine Obdachlose, wurde soeben auf dem Bahnhofsvorplatz von Mitbürgern als Schandbild für die Stadt Bremen bezeichnet, erzählt sie. Selbstbewusst stellt sie sich hin und fragt laut: „Seh ich so asozial aus?“ Jeder der Anwesenden murmelt etwas leise und undeutlich vor sich hin; vermutlich stellen sie sich diese Frage des Öfteren. Geboren 1962 in Bremen, aufgewachsen in Bremen und nun obdachlos in Bremen – ein „Bremer Urgestein“. Doch jetzt nach über 50 Jahren Leben in der Freistadt hat sie es satt. Sie ist nicht mehr stolz auf ihr Bremen, in dem sie wie Dreck behandelt wird. Mal ein bisschen weg – „Ja, so aufs Land wäre mein Traum.“ Nur an Werder hängt sie weiterhin. Sabine will sich von ihrem schmalen Budget ihren Geburtstagswunsch erfüllen – ein Schal von ihrem Heimatverein, ihrer grün-weißen Liebe. Ihre trüben Augen fangen an zu leuchten.

Doch wie eine Sinuskurve schwankt ihre Stimmung schnell. Sie zeigt mit ihren faltigen Händen auf die Pinnwand. „Die sterben hier alle – diese Woche wieder zwei.“ An der Wand hängt ein Bild eines verstorbenen Freund. In ihrem Leben ist der Tod allgegenwärtig. Sie schaut rüber zu Angelika. „Du, der Auge ist vor paar Tagen gestorben. Sauf dir jetzt aber nicht den Kopf weg.“ Stille! Bedrückt bekommt sie die Antwort: „Ne neee…“ Von sich sagt sie fest überzeugt, dass sie keine Angst vor dem Tod hat. Resigniert erzählt sie, wie sie keinen Lebenswillen mehr hatte und nur noch „schwarz“ vor sich sah. Doch irgendwie kam sie da wieder raus, sagt sie und lächelt dabei leicht, während sie sich durch die ergrauten Haare streicht. Sie glaubt an Gott, sie weiß, dass es nach dem Tod doch weiter gehen muss. Erstaunlich, eine Frau die so oft die Schattenseiten des Leben sah und täglich erlebt, glaubt an einen guten, barmherzigen Gott.

Die Stimmung kommt wieder auf einen Hochpunkt. Lustig erzählt sie, dass sie mal in Wolfsburg, der Stadt des heutigen Werder-Kontrahenten, auf Jobsuche war, jedoch wegen ihren Krampfadern abgelehnt wurde, Gelächter in der aufgeheiterten Runde. Eine gewisse Selbstironie schwingt in der Erzählung dieser Anekdote mit; „Man lernt Ablehnungen zu verarbeiten“, meint sie.

Doch die Stimmung fällt wieder so schnell, wie sie angestiegen ist. Unfassbarer Schmerz – Sabine hat zwei Kinder, zu denen jedoch keinen Kontakt. Den Jüngeren, gerade 18 geworden, kennt sie nicht mal so richtig. Ihre Enkelkinder sind ihr so fremd, dass sie sich nicht traut, sie anzusprechen auch wenn sie neben ihr stehen. Ihre Söhne wurden ihr damals vom Jugendamt weggenommen und in Pflegefamilien gesteckt. Melancholisch flüstert sie: „Den Schmerz könnt ihr gar nicht nachvollziehen.“ Doch stolz stellt sie rückblickend fest, dass sie trotz der schlimmen Erlebnisse nie ihr Lachen verlor.

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