„Wahrheiten des Lebens“

Von Tristan Leoluca Farinella

Uwe ist ein gepflegter Mann, saubere Kleidung und gemachte Haare. 57 Jahre, graues schütteres Haar. Vor ihm ein frischer, kochend heißer Kaffee. Er unterhält sich ruhig und deutlich. Er ist Abiturient, ausgebildeter Altenpfleger und nippt durstig an seinem Kaffee. Der Tagesspiegel auf dem Tisch und die blitzblanke Lesebrille auf der Nase. Sportliches Outfit mit neuen Sportschuhen und seinen Parka, in modernem Schlamm-grün. Eloquent und differenziert diskutiert er mit den anderen Gästen im Café über den Tod und die weltpolitische Situation. So lässt sich das Leben genießen. „Hat auch Vorteile alt zu sein, stellt man sich schlimmer vor“, macht Uwe den anderen Gästen klar.

Dieses Café ist nicht irgendein Café, sondern die Bremer Bahnhofsmission. Ein kleines Bistro in der hinteren Ecke des Bremer Bahnhofs. Als normaler Besucher beachtet man es kaum. Betreut von drei Ehrenamtlichen, die „einfach mal was anderes und Menschen helfen“ wollen. Man kennt sich, gute Freundschaften bilden sich und es werden von guten und schlechten Erfahrungen und Geschehnissen aus dem Alltag berichtet. Die Atmosphäre ist wie bei einer Feier: ausgelassen und offen. 30 Minuten Zeit und ein Kaffee oder zwei Tee für jeweils 80 Cent. „Ist schön hier, bin öfters hier.“ Zustimmung vom Nebentisch.

Uwe war schon überall. Hat schon im Ausland gelebt und liebt Frankreich von ganzem Herzen. Er war mal ein Jahr in Berlin, ein Jahr in Wiesbaden, dann noch mal in Hamburg. Er hat schon viel mit seinen tiefen, traurigen Augen gesehen. Noch nie hat er sich so pudelwohl gefühlt wie in Bremen-Vegesack. Er hat dort eine kleine Wohnung. Sein Herzstück und sein Stolz. Aber trotzdem, auch nach langen Jahren in Bremen lässt ihn sein unaufhaltsamer Reisedrang nicht nach. Er will nun endlich auswandern. Zwei Mal hat er es schon versucht, aber noch nie geschafft. Davon lässt er sich nicht jedoch aufhalten.

Sabine vom Nachbartisch grölt lautstark und mit guter Laune: „Du, der Auge ist vor ein paar Tagen gestorben. Am 3. war er noch da! Du könntest auch morgen tot sein.“ Ganz selbstsicher, ruhig und monoton hat Uwe erwidert: „Wir könnten alle morgen tot sein!“

Das ist auch seine Einstellung. Er war früher Altenpfleger, hatte Spaß am Job und ist mit Herzblut an die Sache gegangen. Weitaus mehr als ein Jahrzehnt hat er in der Branche gearbeitet. Er trauert nicht vielen Dingen nach, aber seinem Beruf auf jeden Fall. „Ich hab’s versucht, hätt‘ ich wieder angefangen, hätten sie mich eingeholt“, erzählt er. Mit „sie“ meint er seine starken Depressionen und das sieht man ihm auch an. Er sieht bedrückt aus, ist melancholisch, aber hat sich damit abgefunden. An ihm geht das jetzt alles vorbei. Er ist ausgelaugt, fühlt sich missverstanden. Nach seiner langen Rehabilitation hat er eine Wohnungslosen-Zeitung verkauft. Ein anstrengender Job. So lange stehen und fremde Leute nerven, das war nichts für ihn.

Mitten im leidenschaftlichen Erzählen kommt ein anderer Gast und möchte sich seine sauber und akribisch gefaltete Tageszeitung nehmen. Doch bevor er das tun kann, springt er ein und verteidigt sein Eigentum: „Sorry, das is‘ mein Tagesspiegel. Da hätte man auch mal fragen können, ne?!“ Stille. Weder einer Reaktion der anderen Gäste, noch der Helfer in der Bahnhofsmission. Uwe hat sich seinen Respekt verdient. Er will nicht so negativ wahrgenommen werden, wie die anderen Gäste.

Uwe trinkt den letzten Schluck von dem mittlerweile kalten Kaffee aus und verabschiedet sich. Er nimmt die Bahn nach Hause. Auf dem Weg zum Bahnsteig schlüpft er unbemerkt durch die Menschenmengen und bahnt sich geschwind seinen Weg durch die große Bahnhofshalle zur Haltestelle.

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